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Malteser in Nordrhein-Westfalen

Nachlese Karneval in Köln: Nicht anstecken lassen

Text: Kai Vogelmann, Malteser-Pressesprecher NRW und S 5 in der Einsatzleitung Sanitätsdienst Karneval Köln Fotos: Kai Vogelmann, Johannes Kohlen (DRK)

16.02.2016

„Mer stelle alles op der Kopp“ - das Motto der Kölner Karnevalssession 2015/2016 hätte gar nicht treffender sein können. Denn seit der Bekanntgabe des Mottos im Februar 2015 hat sich tatsächlich das Leben in Deutschland auf den Kopf gestellt: Über eine Million Flüchtlinge kamen seit dem nach Deutschland, die Terrorangst stieg seit den Anschlägen von Paris auch in Deutschland deutlich an, zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, radikale politische Debatten im Fernsehen, auf Strassen und Plätzen und in den neuen Medien, sexualisierte Gewalt in aller Öffentlichkeit an Silvester in Köln und vielen anderen Städten, eine Debatte um die innere Sicherheit kamen hinzu und am Ende der Session war dann noch eine Orkanwarnung, die zu über 50 abgesagten Rosenmontagszügen alleine in NRW führte. Mit all diesen Eindrücken mußten die Planer des Sanitätsdienstes rund um den Kölner Rosenmontagszug in diesem Jahr umgehen. Für Gesamteinsatzleiter Klaus Albert von den Kölner Maltesern hieß es: „Nur nicht anstecken lassen“. Der Sanitätsdienst an Rosenmontag in Köln ist der größte wiederkehrende Einsatz der Hilfsorganisationen in Deutschland. Jahr für Jahr kommen rund 1 Million Menschen in die viertgrößte Stadt Deutschlands, um den Straßenkarneval zu feiern. Die vier Kölner Hilfsorganisationen verstärken in den Tagen von Altweiberdonnerstag bis Aschermittwoch nicht nur den Rettungsdienst der Stadt Köln, der in dieser Zeit im Durchschnitt doppelt so viele Einsätze am Tag zählt wie an normalen Wochenenden, sondern stellen auch die sanitätsdienstliche Absicherung der vielen kleineren und größeren Umzüge durch die Stadtteile Kölns und bei unzähligen Saalveranstaltungen sicher. Unterstützung bekommen sie dabei mittlerweile traditionell aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland. „Mit unseren eigenen Ehrenamtlichen bekommen wir das mittlerweile nicht mehr hin“, unterstreicht Albert die Wichtigkeit des Helfernetzwerkes in Deutschland. Die Einsatzbelastung der eigenen Helfer in Köln über die tollen Tage in Köln sei einfach zu groß. In diesem Jahr blickten aufgrund der Ereignisse in der Silvesternacht Medien aus der ganzen Welt auf die Domstadt. Kann in Köln unbeschwert und sicher gefeiert werden? Können Gäste aus dem In- und Ausland ohne Bedenken an den Rhein reisen? Ein großes Boulevardblatt schrieb kurz vor dem Strassenkarneval, dass Polizei, die Stadtspitze, die Feuerwehr und die Hilfsorganisationen unter Beobachtung stünden. Sicherheit im Kölner Karneval war das bestimmende Thema. Der Druck auf Klaus Albert und seine Führungskräfte im Führungsstab, die auch vom ASB, dem DRK und der JUH gestellt wurden, war groß. Seit 13 Jahren plant und führt Albert, der hauptamtlich als Referent im BBK arbeitet, diesen Einsatz. Diese Routine und die Erfahrung aus vielen anderen Einsätzen kommen ihm zugute. Albert ist eine Führungskraft, die Ruhe und Souveränität ausstrahlt. Auch in seinem Führungsstab arbeiten bewährte Kollegen. Das merken seine Ansprechpartner schon bei den Vorbereitungen. Mit der Berufsfeuerwehr und dem Festkomitee Kölner Karneval spricht er auf Augenhöhe. Sein Rat wird geschätzt. Seine Forderungen werden erfüllt. Sein Einsatzplan läßt am Ende kaum Fragen offen. „100 prozentige Sicherheit gibt es nicht“. Dieser Satz wird in den Tagen vor Karneval immer wieder von den Spitzen von Polizei, der Stadt und der Feuerwehr geäußert. Die Anspannung in Köln ist spürbar. Nicht nur 2.500 Polizisten werden in Köln zusammengezogen, auch mehrere hundert Journalisten aus der ganzen Welt kommen in die Domstadt. Jeden Tag finden im Kölner Rathaus, wo über den Straßenkarneval extra eine Koordinierungsgruppe eingerichtet wurde, Pressekonferenzen statt. Auch die Einsatzleitung Sanitätsdienst bekam in diesem Jahr zwei Räume im Rathaus zugewiesen. Die Wege sollten kurz sein. „Wir haben in den vergangenen Jahren mit der Feuerwehr und dem Rettungsdienst der Stadt Köln ein hervorragendes Sanitätsdienstkonzept erarbeitet und immer wieder angepasst, das sich nicht nur im Karneval bewährt hat. Deshalb konnten wir auch in diesem Jahr daran festhalten“, betont Albert. Das bedeutete, dass es nicht notwendig war noch mehr Einsatzkräfte und Unfalhilfsstellen einzuplanen. Mit rund 500 Einsatzkräften an 24 Unfallhilfsstellen, eingeteilt in vier Einsatzabschnitten, waren die Hilfsorganisationen gut aufgestellt und auch für größere Einsätze vorbereitet. Die Tragfähigkeit dieses Sanitätsdienstkonzeptes, der Kommunikationswege, der Platzwahl und der Schnittstellenarbeit mit dem Rettungsdienst konnte am Vortag des Rosenmontagszuges bereits während der Schull- un Veedelszöch in Echtzeit geprüft werden. Da überschatteten bereits eine Orkanwarnung und die Frage, ob bei den angekündigten Windböen die Züge überhaupt stattfinden können, den Einsatzalltag. Mainz war die erste große Karnevalshochburg, die den Zug absagte. Münster und viele andere Städte folgten. Düsseldorf verschob die Entscheidung auf den frühen Rosenmontagmorgen. Auch in Köln schlugen am Karnevalssonntag die Wogen hoch. An eine Absage glaubte aber niemand. Am Nachmittag präsentierte schließlich Christoph Kuckelkorn, Zugleiter des Festkomittees, die Entscheidung der Koordinierungsgruppe: der Zug sollte stattfinden. Ohne die 500 Pferde und aus Sicherheitsgründen mit deutlichen Zugeständnissen an das angekündigte Unwetter, aber Köln wolle auf seinen Zug nicht verzichten und das Risiko sei kalkulierbar. Der Zug könne auch noch an Rosenmontag kurzfristig je nach Lage abgebrochen werden. Der Leiter der Berufsfeuerwehr Köln, Johannes Feyrer, stützte diese Entscheidung und leitete weitreichende präventive Maßnahmen ein, die seine Mitarbeiter kurzfristig umsetzen konnten. Unter anderem richtete die Feuerwehr auf dem Roncalliplatz eine eigene Windmessstation ein und sorgte dafür, dass die vielen Tribünen sturmfest gemacht werden konnten. Auch Albert und sein Führungsstab begannen am Nachmittag mit den Vorbereitungen auf einen Einsatz unter extremen Wetterbedingungen. Die vorgeplanten Unfallhilfsstellen und Aufenthaltsräume für die Einsatzkräfte in Zelten wurden verworfen. Lediglich bis Windstärke 8 hätten diese dem Sturm getrotzt. Die Vorhersagen sprachen von Windstärken bis 11. „An einem Sonntag im Karneval über 20 zusätzliche Rettungs- und Krankenwagen für Patienten sowie eine ähnlich hohe Anzahl Mannschaftstransportwagen für die Einsatzkräfte zu akquirieren, das ist sportlich“, weiß Albert. Aber es funktionierte. Am Rosenmontag standen genug zusätzliche Fahrzeuge zum Schutz der Einsatzkräfte und Patienten bereit. „Unser regionales Netzwerk hat sich auch hier ausgezahlt“. Parallel zur Beschaffung der Fahrzeuge ließ Albert die Führungskräfte in den Einsatzabschnitten weitere Entfluchtungsmöglicheiten sowie Schutzräume für den Fall eines plötzlichen Wetterereignisses erkunden. „In Köln gibt es ja zum Glück genügend Kirchen, die Schutz bieten“, nennt Albert nur eine, aber nicht unerhebliche Option für die Einsatzkräfte. Der Rosenmontag begann auch in Köln mit Regen und starken Windböen. Um 8.30 Uhr sagten die Verantwortlichen in Düsseldorf ihren Zug ab. Kurz darauf trat Christoph Kuckelkorn im Medienzentrum vor die Mikrofone der Journalisten und bestätigte, dass der Zug in Köln pünktlich im 10 Uhr starten würde. Die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen standen zu diesem Zeitpunkt schon rund eine Stunde auf ihren Positionen. Noch war die Stadt für einen Rosenmontag vergleichsweise leer. Aber pünktlich zum Start des Zuges brach der Himmel auf und die Strassen füllten sich mit Jecken. Kaum jemand wollte glauben, dass bis zum Abend in Köln kein Tropfen Regen mehr fallen sollte, immer wieder die Sonne schien und der Orkan die Jecken verschonte. Der Sanitätsdienst lief routiniert und ohne Auffälligkeiten. Die Stimmung unter den Jecken war deutlich entspannter als in den Vorjahren. Am Tagesende waren es fast 100 Hilfeleistungen weniger für die Helfer als 2015 und nur 24 Patienten mussten in ein Krankenhaus transportiert werden. Zur Bilanz dieses Tages kamen am späten Nachmittag noch einmal die Verantwortlichen des Festkomitees, der Polizei, der Stadt Köln und der Feuerwehr vor der Presse zusammen und die Erleichterung aller war im Saal fast schon greifbar. Feuerwehrchef Feyrer sprach von einem „schon legendären Rosenmontag“ in Köln. Die Tagesbilanz fiel entsprechend gut aus. Klaus Albert fasste diesen Tag in seinem Stab etwas bescheidener zusammen. „In den vergangenen Tagen haben viele tausend Menschen aus der Verwaltung, von der Polizei, der Feuerwehr und von den Hilfsorganisationen konzentriert und professionell zusammengearbeitet. Diese Arbeit wurde heute belohnt“. Unter dem Strich bleibt aber ganz sicher auch der erste Patient der Hilfsorganisationen am Rosenmontag 2016 in Köln in Erinnerung: ein verletzter Halsbandsittich, der vom DRK bis zum Eintreffen der Tierrettung versorgt und betreut wurde.

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