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Malteser in Nordrhein-Westfalen

Mach's wie Gott - werde Mensch

23.12.2016

Liebe Malteser in NRW, 

liebe Freunde der Malteser überall im Land,

 

auf einer Weihnachtskarte stand der Satz:

„Machs wie Gott – werde Mensch!”.

 

So treffend und knapp haben wir das, was das Weihnachtsfest für uns bedeutet, noch nie zusammengefasst bekommen. Die Menschwerdung Gottes ist nicht mit der Geburt Jesus im Stall von Bethlehem zu Ende, sie beginnt dort und erstreckt sich über ein ganzes Leben. Gott ist einer von uns geworden, einer, der mit uns fühlt, sich mit uns freut und auch mit uns leidet. Für Facebook untypisch habe ich für Sie eine kleine Geschichte herausgesucht und daraus kein Video gemacht. Es sind auch mehr als 140 Zeichen geworden. Vielleicht finden Sie in den kommenden weihnachtlichen Tagen dennoch etwas Zeit, um sie zu lesen. Es lohnt sich. Dass Menschlichkeit Leben neu ermöglicht, weil es jemanden gibt, der ein Licht gegen die Finsternis anzündet, ist in Tagen wie diesen nach den Schreckensbildern aus Aleppo, dem Jemen und Berlin tröstlich und macht uns Mut, weiter zu machen.

 

Das Licht im Fenster von Gertrud Mutzke


Ein kalter, feuchter Tag zog herauf. Es war der 24. Dezember 1984. Der Heilige Abend war in greifbare Nähe gerückt, die Geschenke lagen verpackt und mit schönen Schleifen und Bändern versehen noch am geheimen Ort.


Der Duft vom Gänsebraten durchzog das ganze Haus; aber dieser Tag bedeutet für mich nicht nur schenken und beschenkt werden. Gerade heute muss ich an die vielen einsamen und armen Menschen denken.Früh bin ich aufgestanden, bevor die ganze Familie durcheinander schwirrt. Auf leisen Sohlen gehe ich von einem Fenster zum anderen, räume die Blumentöpfe zur Seite und stelle Weihnachtslichter auf, große weiße Kerzen habe ich gekauft, die den ganzen Tag brennen. Am Abend stelle ich dann noch einmal neue auf, damit die Fenster auch in der Nacht vom Schein der Kerzen matt erleuchtet sind. „Warum tust du das?“ hatte vor vielen Jahren meine kleine Tochter gefragt, und ich hatte geantwortet: „Vielleicht sucht ein armer Mensch nach einem Licht in der Heiligen Nacht.“


Gegen zehn Uhr klingelte es an der Haustür, ich öffnete, vor mir stand ein junger Mann, seine Schultern hatte er hochgezogen, als friere er. In seinen Händen drehte er eine blaue Pudelmütze zu einem Strick, große braune Augen, von bläulichen Schatten umrandet, sahen mich an, ängstlich, wie mir schien. Er löste eine Hand von der verdrehten Mütze und fuhr sich damit über die Stirn. „Entschuldigen Sie bitte, aber das Licht, ich meine die Kerzen in Ihren Fenstern.“ Er stockte, und ich sah auf seiner Hand eine Tätowierung, ich sah auch die Gefangenenträne auf seiner linken Wange. Ein entlassener Häftling stand vor mir. Er räusperte sich, wollte weitersprechen, ich sah ihn freundlich an, weil ich merkte, dass es ihm schwerfiel, was er sagen wollte. „Kommen Sie herein, und dann sagen Sie mir, was Sie für einen Wunsch haben“, forderte ich ihn auf. „Oh - ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten machen; aber die Kerzen im Fenster haben mir Mut gegeben zu fragen, ob ich eine Scheibe Brot haben kann. Ich bin sehr hungrig.“ Er sah aus dem Fenster bei dieser Bitte. Ich kannte das Leid der Entlassenen sehr gut; aber jetzt traf mich diese Not wie ein Schlag.

Überall gab es heute in Mengen Essen und Trinken, eine Fülle von Naschwerk wird den Gabentisch decken, und hier vor mir stand ein junger Mensch und hatte nicht einmal eine Scheibe trockenes Brot, um seinen Hunger zu stillen, und einen Unterschlupf hatte er auch nicht, das wusste ich, ohne ihn zu fragen. „Kommen Sie mit“, forderte ich ihn auf und erfasste seine Hand. Eiskalte Finger spürte ich. „Ich werde Ihnen Kaffee kochen, und essen sollen Sie, soviel Sie mögen, inzwischen können Sie sich im Badezimmer waschen oder duschen, wie Sie wollen.“ „Aber ich mache Ihnen nur Arbeit“, kam es zaghaft von seinen Lippen. „Ach was“, antwortete ich und fügte hinzu: „Denken Sie an die Kerzen im Fenster, die stehen doch nicht umsonst dort.“ „Danke, Sie sind sehr freundlich“, antwortete er und in seinen Augen lag Erstaunen.


Während er sich im Bad aufhielt, trug ich zusammen, was notwendig war, um die erste Not zu lindern, warme Kleidung, einen Parka, dicke Socken und vor allem Handschuhe. Ich fühlte noch immer seine kalten Hände. Kurze Zeit später saß er am Tisch, wie eine Schale legten sich seine Hände um die Tasse, er zog sie langsam zu sich her, trank mit geschlossenen Augen einen Schluck, mit einem tiefen Atemzug setzte er die Tasse ab. Ich hielt ihm den Brotkorb hin, er nahm eine Scheibe Brot, hielt sie ganz dicht vor sein Gesicht und zog den Duft ein. „Wunderbar“, flüsterte er. Ich hatte mich ihm gegenüber gesetzt und fragte: „Aus welchem Gefängnis kommen Sie?“

Fassungslos starrte er mich an, dann stotterte er: „Woher wissen Sie das?“ Er stellte die eben wieder erhobene Tasse zurück und legte das Brot daneben, vergrub sein Gesicht in beiden Händen.„Bitte beruhigen Sie sich, das ist doch nicht schwer zu erraten, außerdem betreue ich schon seit über zwanzig Jahren Strafgefangene, während der Haft und auch danach. Ich mache also Resozialisierungsmaßnahmen.

Ich weiß, dass die Strafe nicht aufhört, wenn sich die Tore der Anstalten geöffnet haben und die sogenannte Freiheit endlich da ist. Unzählige Ehemalige sind hilflos und mittellos, ihre Strafe ist verbüßt, aber niemand hat je daran gedacht, dass der Mensch nach der Haft weiterleben muss. Die Familien sind zerstört oder wollen mit dem Hilflosen nichts mehr zu tun haben. Und die Gesellschaft ist gnadenlos, überall erlebt er Ablehnung.


„Ich bin wegen“ – „Halt – halt“, stoppte ich ihn und sagte „Heute ist der Tag im Jahr, an dem die Menschen zusammenkommen sollten, um die Freude miteinander zu teilen. Nach den Feiertagen erzählen Sie mir dann alles, ich möchte Ihnen helfen.“ Plötzlich stand er auf, stützte seine Hände auf den Tisch, sah zur Zimmerdecke und sagte so leise, dass ich kaum ein Wort verstehen konnte: „Mein Gott, du hast mich nicht verlassen!“ Dann sah er mich an, große Tränen liefen über seine mageren Wangen, zitternd kamen die Worte: „Danke, für das Licht im Fenster.“


Nun ist ein Jahr vergangen, am Heiligen Abend werde ich einen Gast haben, jenen jungen Mann, der damals mutlos, gedemütigt und arm an Leib und Seele, vor meiner Tür um eine Scheibe Brot gebeten hatte. Er hat mich nicht enttäuscht, der Mann aus dem grauen Heer der Heimatlosen und Verzweifelten.Wie wenig braucht man doch, um einen Menschen zu helfen, manchmal nur ein Licht im Fenster.


Ich wünsche Ihnen allen, ganz besonders in den kommenden Tagen, Menschen in Ihrer Nähe, die für Sie Licht sind. Durch ihre Nähe, durch ihr aufmunterndes Wort, durch ihre Hilfe, durch ihre Freundlichkeit, durch ihr Verständnis.

Ich wünschen Ihnen gesegnete und froh machende Weihnachten und ein friedvolles Jahr 2017.


Ihr


Thomas Berding


Regional-/ Landesgeschäftsführer

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