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Malteser in Nordrhein-Westfalen

„Ich verstehe jetzt viel, wenn Menschen Deutsch sprechen.“

Seit August 2016 unterrichten wir Malteser in der Zentralen Unterbringungseinrichtung Düren-Gürzenich im Auftrag des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF, Deutsch, gesellschaftliche Werte und geben Erstorientierung, um die Flüchtlinge auf die Zeit hier in Deutschland vorzubereiten. Die meisten Menschen kommen aus Erstaufnahmeeinrichtungen nach Gürzenich, bevor sie in den Gemeinden und Städten eine dauerhafte Bleibe finden. Obwohl die Flüchtlinge meist nur ein paar Wochen oder Monate bei uns bleiben, machen wir den Menschen ein Angebot, um sich mit dem Alltag und der Sprache in Deutschland bekannt zu machen. Damit wird schon in der Unterkunft in Gürzenich ein erstes Fundament für die Integration gelegt. Geleitet werden die BAMF-Kurse von den beiden Lehrern Erdogan Cicek und Jan-Philipp Düppengießer. Über Ihre Erfahrungen mit den Menschen sowie der Vermittlung von Werten und Erstorientierung sprachen wir mit den beiden Pädagogen.

09.03.2017

Sie sind als Lehrer in der Flüchtlingsunterkunft in Düren-Gürzenich beschäftigt. Wie kam es dazu?

Philipp Düppengießer: Ich arbeite schon seit über einem Jahr bei den Maltesern in der Flüchtlingshilfe. Damals erfuhr ich aus der Zeitung vom Aufbau der Notunterkunft in der alten Kaserne in Gürzenich. Drei Tage später war ich mittendrin in einem tollen Team aus Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen Kollegen. Dieser praktizierte Gemeinschaftssinn begeisterte mich von Anfang an. Das Motto „Malteser…weil Nähe zählt“ wurde in der Zusammenarbeit erfahrbar. Das schätze ich bis heute sehr. Davor habe ich als Lehrer im Schuldienst gearbeitet. Als dann plötzlich die Anfrage kam, ob ich als Dozent in dem Pilotprojekt zur Erstorientierung und Wertevermittlung arbeiten möchte, war mir sofort klar, dass ich diese neue Aufgabe angehen werde.

2.  Wie erleben Sie die Flüchtlinge in der Einrichtung?

Erdgon Cicek: Die Bewohner in unserer Einrichtung erlebe ich als sehr unterschiedliche Menschen. Einige haben sich schon gut eingewöhnt; sie sind sehr kommunikativ und teilen sich gerne mit. Andere sind eher zurückhaltend und verschlossen. Wir haben zum Teil auch Bewohner, die traumatisiert sind.

 3.       Hat sich der Charakter Ihrer Arbeit seit Ihrem Beginn geändert?

Philipp Düppengießer: Der Charakter meiner Tätigkeit hat sich in den letzten Monaten stark verändert. In der Aufbauphase als Notunterkunft waren sehr praktische Tätigkeiten gefragt- etwa das Aufbauen der Betten vor der Ankunft der ersten Bewohner. Aktuell nehmen in meiner Tätigkeit als Dozent das Unterrichten und das Organisatorische den meisten Raum ein. Doch das ist nicht alles: Gemeinsam wurden in den letzten Monaten neue Konzepte für die Betreuungsangebote entwickelt; sie wurden erweitert und neue Angebote kamen hinzu. Diesen Prozess der ständigen Weiterentwicklung der Unterkunft finde ich sehr interessant.

Erdogan Cicek: Wir haben viel über die Herkunftsländer der Menschen erfahren und wir  lernen über die Kultur und Werte dort. Manchmal sprechen Sie auch von der Flucht und wir hören zum Teil dramatische Berichte, das ist nicht immer ganz leicht. Damit bringen die Menschen auch uns als Lehrer etwas bei.

4.       Sie leiten das vom BAMF unterstützte Projekt: Wertevermittlung und Erstorientierung. Worum geht es dabei?

Erdogan Cicek: Das Projekt verfolgt gleich mehrere Ziele: Zum einen sollen die Teilnehmer schon frühzeitig mit den hier gültigen Werten und Normen vertraut gemacht werden, die die Basis für das Zusammenleben in Deutschland sind. Zum anderen ist es unsere Aufgabe die Menschen fit für den Alltag nach dem Übergang in die Gemeinde zu machen. Das bedeutet ganz praktisches Sachwissen zu vermitteln, das essentiell für den späteren Alltag in der Kommune ist. Beispielsweise wie man einen Termin beim Arzt oder einer Behörde macht. Dafür vermitteln wir unseren Teilnehmern die nötigen Deutschkenntnisse, denn letztlich bilden Sachwissen und Sprachvermittlung die beiden Säulen dieses Kurses.

5.       Wie wird das Angebot von den Flüchtlingen angenommen?

Philipp Düppengießer: Unser Kurs erfreut sich großer Beliebtheit. Nach einer Werbe- und Anmeldungsphase hatten wir eine lange Liste mit Interessenten. Leider fanden sich viele Interessierte auf der Warteliste wieder, da wir eine vorgegebene Kursgröße einhalten mussten. Manche Bewohner waren sehr traurig darüber, dass sie nicht zu Beginn im Kurs waren.

Erdogan Cicek: Dabei haben wir gar nicht soviel Werbung machen müssen,  die meisten haben sich nach dem Aushang direkt bei uns gemeldet und wollten sofort loslegen.

6.       Welche Motivation haben die Menschen, an den Kursen teilzunehmen?

Erdogan Cicek: Ich denke, dass im Wesentlichen der Spracherwerb und Neugier auf die Inhalte des Kurses für Bewohner im Vordergrund stehen. Die Inhalte konnten sie zum Großteil selbst aussuchen. Das stärkt klar die Partizipation im Kurs. Hinzu kommt weiter das „Wir“-Gefühl, das in der Gruppe entstanden ist. Man kann schon sagen, dass aus zunächst Fremden im Kurs Bekannte geworden sind. Es sind mittlerweile auch Freundschaften zwischen einzelnen Teilnehmern entstanden, die vor Kursbeginn keinerlei Kontakt zueinander hatten. Das funktioniert dann durch Kommunikation auf Deutsch.

7.       Wer macht bei dem Angebot mit, mehr Frauen oder mehr Männer?

Philipp Düppengießer: Rund die Hälfte der Teilnehmer sind Frauen. Die Herkunftsländer unserer Teilnehmer sind bunt gemischt.
Erdogan Cicek: Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass wir keine Gruppe benachteiligen. Das gilt auch für Nationalitäten. Aber die  Menschen sind auch sehr verschieden, auch was ihre Vorkenntnisse der deutschen Sprache angeht. Wir haben Teilnehmer mit und ohne Vorkenntnisse im Kurs. Insgesamt also eine heterogene Gruppe.

8.       Worin liegen die größten Herausforderungen für die Flüchtlinge bei der Vermittlung von Werten und Deutschkenntnissen?

Philipp Düppengießer: Zu Beginn des Kurses war es eine Herausforderung, dass alle Teilnehmer in der ihnen fremden Sprache Deutsch sprechen. Menschen reagieren oft mit Zurückhaltung beim Sprechen einer Fremdsprache. Die Angst vor dem Sprechen konnten wir jedoch den meisten Teilnehmern nehmen. Zudem kommen noch Niveauunterschiede, da manche bereits über Vorkenntnisse verfügten. Bei der Wertevermittlung stellt man fest, dass zum Teil große Unterschiede bestehen. Die Sozialisation der Teilnehmer in ihren Heimatländern ist zumal eine völlig andere. Jedoch sind die Menschen offen für neue Werte.

9.       Was lernen die Menschen besonders schnell und wo benötigen Sie besonders viel Unterstützung?
Erdogan Cicek: Sprechen und Hörverstehen sind meist die Kompetenzen, bei denen unsere Teilnehmer relativ schnell Fortschritte machen. Leseverstehen und Texte schreiben braucht hingegen mehr Zeit und Übung.

10.   An welche Begebenheit mit den Flüchtlingen im Unterricht erinnern Sie sich besonders gern?
Erdogan Cicek: Wir versuchen immer unsere Unterrichtseinheiten mit einer Portion Humor und immer viel Verständnis zu übermitteln. Wir können auch immer wieder gemeinsam lachen und freuen uns auch über die kleinen Erfolge.
Philipp Düppengießer: Oft erinnere ich mich am Ende eines Unterrichtstages an die lustigen Momente im Unterricht, also wenn wir alle zusammen gelacht haben. Schön ist es aber auch, wenn ein Teilnehmer selbst seine Fortschritte bemerkt und sagt: „Ich verstehe jetzt viel, wenn Menschen Deutsch sprechen.“

11.   Was passiert wenn Sie die Unterrichtseinheit beendet haben?
Philipp Düppengießer: Ich hoffe, dass unsere Teilnehmer gut auf das selbstständige Leben in den Gemeinden vorbereitet sind und dadurch einige Herausforderungen des Alltags selbst lösen können.

12. Halten Sie noch Kontakt mit den Flüchtlingen auch, wenn Sie nicht mehr in der ZUE sind?
Philipp Düppengießer: Einen engen Kontakt halte ich nicht zu unseren Ex-Bewohnern, da professionelle Distanz zu meiner Arbeit gehört. Es kommt jedoch vor, dass unsere Ex-Bewohner uns besuchen. Dann erzählen sie wie ihr Leben in der Gemeinde aussieht. Sie berichten oft, dass sie sich sehr wohl in unserer Einrichtung gefühlt haben und der Kurs ihnen fehlt. Nicht alle erhalten so schnell Anschluss in einem kommunalen Integrationskurs, was ich sehr schade finde.
Erdogan Cicek: Mir geht es genauso, ich halte wie Philipp eine professionelle Distanz, aber ich freu mich natürlich, wenn der eine oder andere uns besuchen kommt und von seinen Erfahrungen berichtet. Das macht mich froh, wenn wir mit unserer Arbeit den Menschen ein bisschen helfen konnten.

13.   Was ist Ihnen besonders wichtig bei Ihrer Arbeit im BAMF Projekt und in der Betreuung?
Philipp Düppengießer: Das Spannendste an meiner Arbeit ist die sichtbare Entwicklung. Von der Anfangsphase als Notunterkunft bis heute sind die Veränderungen in den letzten Monaten deutlich wahrnehmbar. Ich hoffe, dass diese Richtung weiter kontinuierlich unsere Arbeit prägen wird. Das ist unsere Aufgabe für die uns anvertrauten Menschen.
Erdogan Cicek: Die Kursteilnehmer sind sehr dankbar und wir bekommen viel Anerkennung von ihnen.

14.   Was bedeutet für Sie Integration?
Erdogan Cicek: Integration bedeutet für mich, die Menschen aus freien Stücken für unsere Gesellschaft zu gewinnen.
Philipp Düppengießer: Aus meiner Sicht meint Integration, dass aus zunächst Fremden irgendwann Bürger dieses Landes werden. Deutschland bietet einem zahlreiche Chancen und Möglichkeiten. Das gilt auch für unsere Bewohner. Der Anfang ist sicherlich beschwerlich und es ist ein langer Prozess, den unter anderem wir Malteser begleiten. Wünschenswert wäre es, wenn unsere Teilnehmer in paar Jahren in der Rückschau Folgendes feststellen: Ich bin endlich angekommen in Deutschland. Es war nicht einfach, aber ich wurde großartig unterstützt.
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