Im Café Lichtblick sprechen Flutbetroffene über die Erlebnisse

Heike und Franz Schockert stießen in den Wirren der Flutkatastrophe unerwartet auf ihren Glücksbringer, der ihnen Hoffnung verlieh. Im Café Lichtblick erfahren die Schleidener immer wieder ein Stück weit Normalität. (Foto: Foto MHD/Boland)

Gemünd. Das Café Lichtblick, der Begegnungsstätte für Flutbetroffene der Malteser und deren Kooperationspartnern, AWO, Caritas und Diakonie, im Hilfszentrum Schleidener Tal (HIZ), ist für Menschen wie Heike Schockert wesentlich mehr als ein bloßer Treffpunkt. Hier kann sie ihr Herz ausschütten, über ihre Erlebnisse sprechen.

Eine regelrechte Odyssee liegt im Dezember vergangenen Jahres hinter der Schleidenerin. Nach den mit der Jahrhundertflut vom Sommer 2021 verbundenen Ereignissen ist kurz vor Weihnachten der Punkt erreicht, an dem sie einfach nicht mehr kann. Ebenso wie viele Nachbarn, Freunde und Bekannte waren auch die 56-Jährige und Ehemann Franz mitten im Zentrum des Stadtteils Gemünd in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli eiskalt vom Hochwasser erwischt worden. Nachdem ihr Wohnhaus, der Anbau und die Geschäftsräume ihres als Uhrenmacher und Juwelier tätigen Gatten mannshoch unter Wasser gestanden hatten und später in wochenlangen kräftezehrenden Aufräumarbeiten vom übelriechenden Schlamm befreit werden konnten, hatten im Winter dann endlich Bautrockner in die durchnässten Räumlichkeiten des Ehepaares Einzug gehalten. „Ab diesem Zeitpunkt kehrte plötzlich Ruhe ein und man konnte selbst nichts mehr tun“, beschreibt die Bankkaufrau ihre damalige Situation zu Hause. Auch erinnert sie sich, dass ihr Mann und sie versucht hätten, es sich im vom Wasser verschonten Obergeschoss ihres Hauses übergangsweise gemütlich zu machen.
 
Von jetzt auf gleich zur Untätigkeit verdammt
 
Von jetzt auf gleich zur Untätigkeit verdammt zu sein, habe dann aber irgendwie dazu geführt, dass gar nichts mehr gegangen sei, erinnert sich Schockert an jenen Moment im Dezember als plötzlich alles über ihr zusammenbricht.  „Ich habe gedacht, Du musst jetzt dort hingehen, sonst drehst Du hier zu Hause ab. Auf diese Weise bin ich ins Café Lichtblick im Hilfszentrum Schleidener Tal geraten“, erzählt sie. Im Rahmen jenes niederschwelligen psychosozialen Angebots, welches Malteser-Trauerexpertin Conny Kehrbaum vor einem Jahr aus der Taufe gehoben hatte, können Flutbetroffene bei kostenfreiem Kaffee und Kuchen aufeinandertreffen, sich austauschen, gemeinsam lachen, aber auch miteinander weinen, wenn ihnen danach zumute sein sollte. Überdies besteht die Möglichkeit, auf Wunsch Einzeltermine mit Experten, wie Diplom Psychologen, psychologischen Psychotherapeuten oder einer Psychiaterin zu erhalten. 
 
 
Nicht mehr damit gerechnet, das eigene Heim lebend zu verlassen
 
Ehepaar Schockert war an jenem verhängnisvollen Abend im Juli letzten Jahres zu Hause beim Fernsehen gewesen. Die elektrischen Fensterläden im Untergeschoss waren längst heruntergefahren als der Strom ausfiel und diese sich nicht mehr öffnen ließen. „Plötzlich drang Wasser ins Haus, lief in den Keller und stieg höher und höher“, durchlebt Heike Schockert den Moment beinahe erneut. Die Torfsäcke und schweren Blumenkästen, die Ehemann Franz noch hastig versucht hatte vor den Kellerfenstern zu platzieren, hatten dem kraftvollen nassen Element nichts entgegenzusetzen. Durch den immensen Druck sei dann mit einem Mal die Wand zum Altbaukeller weggebrochen und die Fluten wasserfallartig herüber geschwappt. „Dies hatte schnell zur Folge, dass im Erdgeschoss alles aus den Toiletten hochschoss“, beschreibt die nach wie vor berufstätige Bankerin. Als würde Heike Schockert die Situation noch immer durchmachen, erzählt sie, wie sie ihre wichtigsten Sachen und Unterlagen zusammenrafft und zügig ins obere Stockwerk ihres Anwesens schafft, als das Wasser aus dem Keller auch das Erdgeschoss erreicht und weiter steigt. So hat Schockert nach wie vor detailgetreu vor Augen, wie sie alle paar Minuten zurück zur Treppe rennt, um das stetig ansteigende Wasser im Auge zu behalten. Der Machtlosigkeit ausgesetzt, seien die Gedanken unaufhörlich um die Frage gekreist, was man tun könne. In jener Nacht habe es einen Zeitpunkt gegeben, an dem Ehegattin Heike nicht mehr damit gerechnet habe, ihr gerade frisch renoviertes Heim überhaupt noch lebend verlassen zu können, schildert Franz Schockert. 
 
 
Hilferufe, zerberstendes Schaufensterglas und ein Hoffnung spendendes Schmuckstück
 
Obwohl die elektrischen Rollläden sich ohne Strom nicht mehr öffnen lassen und erst am nächstem Morgen, nach leichtem Rückgang des Wassers, mit einer Axt aufgeschlagen werden müssen, gelingt es dem Paar, allen Widerständen zum Trotz, den ansteigenden Fluten noch in der Nacht zu entfliehen. Anblicke, wie die unmittelbar unter der Raumdecke schwimmende Theke des Nachbarn in dessen Ladenlokal nebenan und die Erinnerung an die verzweifelten Hilferufe einer Bäckereifachverkäuferin sowie das Geräusch zerberstenden Schaufensterglases kurze Zeit zuvor haben sich aber unwiderruflich ins Gedächtnis der Schockerts eingebrannt. Die 56-Jährige und ihr 71-jähriger Ehemann überleben die Naturkatstrophe und als Gatte Franz kurz darauf beim Versuch, noch Holz aus den verwüsteten Räumlichkeiten seines Elternhauses zu retten, auf etwas Silbernes stößt, an das er überhaupt nicht mehr gedacht hatte, schöpft der Gemünder Hoffnung: Ein Schmuckanhänger, den sein Vater ihm seinerzeit, kurz vor dessen Ableben mit den Worten, „dies hat mich im Krieg immer vor dem Schlimmsten bewahrt und wird jetzt auch Dich beschützen“, geschenkt hatte, taucht unversehens wieder auf. „In diesem Moment habe ich geheult wie ein Schlosshund und gedacht, jetzt geht es aufwärts“, schildert Herr Schockert, der von Freunden, Bekannten, Nachbarn und früheren Kunden immer nur Franzl genannt wird. 
 
 
Durch Frank C. Waldschmidt auf Café Lichtblick aufmerksam geworden
 
Bei Malteser PSU-Leiter Frank C. Waldschmidt (Psychosoziale Unterstützung) holt sich Heike Schockert nach den schlimmen Erlebnissen Hilfe. Die 56-Jährige muss nach der Flutkatastrophe auch noch die Folgen einer komplizierten Fußoperation und den plötzlichen Tod ihrer jungen Cousine, die ihr so nahe wie ein eigenes Kind stand, verkraften, worunter das Ehepaar noch heute leidet. Bei Waldschmidt erfährt Heike Schockert dann auch in jener Zeit im Dezember letzten Jahres, in der es ihr mental besonders schlecht geht, vom Begegnungscafé Lichtblick. Kurzerhand fasst sie den Entschluss, dieses einmal mit ihrem Mann aufzusuchen. „Eigentlich hatte ich nur die Vorstellung, dass man dort Leute aus Gemünd wiedertrifft und sich einfach nur nett unterhält, noch nicht mal unbedingt über die Flut“, erläutert sie ihre Erwartungen an den Treff. Schnell stellt sich heraus, dass es schlichtweg guttut, ins Café Lichtblick zu kommen. „Wir haben viel gelacht“, fügt Gatte Franz Schockert hinzu. Durchaus sei er auch ein Typ, der öfter mal einen Witz mache, erzählt er. Als er dies getan habe, habe man an den Gesichtern der Leute sehen können, wie entspannt sie auf einmal waren, zwar nur für einen Augenblick, aber immerhin, sagt er. Dies habe ihm auch selbst immer wieder viel gegeben, denn es sei wichtig gewesen, den Menschen nach dem Erlebten auch ein wenig Freude zu vermitteln. So habe es ihn stets erfüllt, wenn er im Laufe der Zeit, als nach und nach immer mehr Gäste ins Café Lichtblick gekommen seien, von den Leuten angesprochen worden sei. Sie sagten: „Mensch, Franzl, Du musst nochmal einen Witz erzählen!“ Dies lasse die von der Flut betroffenen Nachbarn und Freunde eben kurz alles Schlimme vergessen.
 
 
Normalität zurückgewinnen
 
„Das Café war schon damals immer gut besucht und wir haben alle viel miteinander gesprochen“, zeigt sich auch Heike Schockert dankbar. Ebenso steuert die Schleidenerin gerne immer einmal wieder selbstgebackenen Kuchen zum Treffen bei. Gelernt habe man nach allem, was geschehen sei, guten Gesprächen im Café Lichtblick sowie der Hilfe durch Einzeltermine mit Malteser-Trauerexpertin Conny Kehrbaum, eine ganz andere Sicht zu entwickeln. „Viele Sachen, die man so im Besitz hat, braucht man überhaupt nicht mehr und man sieht nach so einem Ereignis, mit wie wenig man auskommt“, sagt Heike Schockert. Dass sie einander als Ehepaar noch immer hätten, befindet Franz Schockert als das Wesentlichste in seinem Leben. Auch wenn die beiden aus der Flutkatastrophe mitgenommen haben, nunmehr auf ähnliche Eventualitäten vorbereitet zu sein und fortan irgendwo eine griffbereite Überlebenskiste mit Lebensmitteln, Werkzeug und dem Nötigsten stehen wird, so, wie man es früher im Krieg gemacht habe, stellt ein Wegzug aus ihrem Heim, dem Elternhaus Franz Schockerts, für das Ehepaar keine Option dar. Zwar fühlen sich auch jetzt noch immer manche Tage für die Schockerts düster an, doch der Wunsch beider Gatten, einfach einmal wieder Normalität zu leben, wird beim Besuch im Café Lichtblick fürs Erste zumindest stundenweise regelmäßig wieder Realität.

Infos unter: fluthilfe.schleiden@malteser.org oder Tel.: 02444 9125400